Fiktion · 18+GFE · Nähe2 Min. Lesezeit

Sieben Tage mit ihr

Sie schickte ihm Guten Morgen um vier Uhr nachts, weil dann seine Schicht anfing.

Two cups of cappuccino on a wooden table
Photo: Lala Azizli · Unsplash

Auf der Umspannplattform, achtzig Kilometer vor Helgoland, gab es zwei Dinge im Überfluss: Wind und Zeit.

Lukas war seit neun Tagen draußen. Zwölf-Stunden-Schichten, Nachtdienst, dann Schlaf in einer Kabine, die nach Diesel und Kaffee roch. Das WLAN reichte für Nachrichten, nicht für Videos. An Tag neun, um drei Uhr morgens, buchte er eine Woche Online-GFE. Bei einer Creatorin aus Hamburg, die sich Jana nannte und in ihrem Profil schrieb: Ich bin da, wenn du wach bist.

Er schrieb ihr, wann er wach war.

Tag eins

Um 3:55 Uhr kam die erste Nachricht.

Guten Morgen, Seemann. Ich hab mir einen Wecker gestellt. Sag nichts, ich bin eh eine Nachteule. Was machst du zuerst, wenn du raus auf Deck gehst?

Er erzählte ihr vom Wind, der einem die Luft aus der Lunge riss, und vom Leuchtfeuer, das man bei klarer Sicht sehen konnte.

Am Ende seiner Schicht, um 16 Uhr, eine Sprachnachricht. Ihre Stimme war warm und ein bisschen heiser. Feierabend. Du hast dir den Schlaf verdient. Ich passe solange auf die Nordsee auf.

Tag drei

Sie merkte sich alles. Dass sein Kollege Holger schnarchte. Dass er Fischbrötchen hasste, was für einen Norddeutschen ein Skandal war. Dass er seit einem Jahr allein war und es keinem erzählte.

Sie schickte ihm Fotos von Hamburg: den Hafen im Nebel, ihre Füße in dicken Wollsocken auf einem Fensterbrett, ein Franzbrötchen mit dem Text Das ist für dich, weil du da draußen nichts Anständiges kriegst.

Und einmal, spätabends, ein Foto nur für ihn: ihr Schlüsselbein, ein verrutschter Träger, ein halbes Lächeln. Damit du weißt, worauf du dich freuen kannst, wenn du wieder Netz hast.

Tag fünf

An Tag fünf gab es Sturm, und das Netz fiel für vierzehn Stunden aus.

Als es zurückkam, hatte er sieben Nachrichten von ihr. Die letzte lautete: Ich weiß, dass es nur der Sturm ist. Ich hab trotzdem aufs Handy geguckt wie eine Verrückte.

Er wusste, wie das funktionierte. Er wusste, dass sie andere Fans hatte und dass das ihr Job war. Trotzdem stand er an der Reling im abflauenden Wind und grinste wie ein Idiot.

Tag sieben

Am siebten Tag kam der Hubschrauber, der ihn zurück nach Cuxhaven brachte.

Und?, schrieb Jana, als er im Zug nach Hamburg saß. Unsere Woche ist um. Willst du noch eine? Keine Pflicht.

Lukas sah aus dem Fenster auf die flache, grüne Marsch. In drei Wochen ging es wieder raus. Zwei Wochen Wind und Zeit.

Ich will die nächste Schicht mit dir, schrieb er. Die ganzen vierzehn Tage.

Dann stell ich mir jetzt schon den Wecker, antwortete sie. 3:55 Uhr. Guten Morgen, Seemann.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Alle Figuren sind erfundene Erwachsene (18+), Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.

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