Hanna unterrichtete jeden Sonntag um zehn Yoga auf der Wiese an der Isar, nahe der Reichenbachbrücke. Barfuß, im Gras, bei jedem Wetter außer Gewitter.
Felix kam seit sechs Wochen. Er war der Schlechteste in der Gruppe. Er fiel beim Baum um, er verwechselte links und rechts, und beim herabschauenden Hund sah er nicht nach unten, wie er sollte, sondern nach vorn. Auf ihre Füße. Schmal, gebräunt, mit kirschrot lackierten Nägeln und etwas Gras zwischen den Zehen.
In der siebten Woche blieb sie nach der Stunde neben ihm stehen, während er die Matte einrollte.
„Darf ich dir was sagen?“, fragte Hanna. „Du schaust nie auf deine eigenen Hände.“
Das Geständnis
Felix wurde rot bis zu den Ohren.
„Ich weiß“, sagte er. „Entschuldige. Das ist… keine gute Entschuldigung, aber ich bin nicht wegen des Yogas hier.“
„Das ist mir aufgefallen.“ Sie setzte sich ins Gras, streckte die Beine aus und wackelte mit den Zehen. „Wegen mir?“
„Wegen deiner Füße“, sagte er, und es klang so absurd, dass er lachen musste. „Seit sechs Wochen. Ich wollte es nie sagen.“
Hanna sah ihn lange an. Dann lachte sie auch, aber nicht über ihn.
„Weißt du, wie viele Männer hier sitzen und so tun, als ginge es um ihren Rücken? Du bist der erste, der ehrlich ist.“
Die Erlaubnis
„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte sie. „Ich habe Hunger, und meine Füße sind müde von zwei Stunden Gras. Du lädst mich auf eine Brezn ein, wir setzen uns ans Wasser, und du erzählst mir, was genau dir gefällt. In ganzen Sätzen.“
Sie saßen auf den Kieseln am Ufer, die Füße im kalten Isarwasser. Felix erzählte stockend und dann immer flüssiger: von der Form ihrer Fußgewölbe, von dem roten Lack, davon, wie sie sich beim Krieger auf die Ballen stellte. Hanna hörte zu, stellte Fragen und sagte manchmal nur ah.
Irgendwann zog sie einen nassen Fuß aus dem Fluss und legte ihn auf sein Knie.
„Sie sind kalt“, sagte sie. „Mach was dagegen.“
Die nächsten Sonntage
Er wärmte sie mit beiden Händen, langsam, bis sie die Augen schloss und den Kopf in den Nacken legte. Spaziergänger gingen vorbei. Es war ihnen beiden egal.
„Nächsten Sonntag“, sagte sie, als die Sonne schon tief stand, „machst du die Stunde mit. Ordentlich. Und danach darfst du mir die Nägel lackieren. Welche Farbe?“
„Dunkelrot“, sagte er sofort.
Hanna grinste. „Siehst du? Ehrlichkeit steht dir.“
Den Baum kann er immer noch nicht. Aber er kommt jeden Sonntag.



