Fiktion · 18+Gothic · Romantik2 Min. Lesezeit

Mitternacht in Schwarz

Er war nur für die Fotos gekommen. Sie fand, dass er etwas Wichtigeres verpasste.

A dark rose on a black background
Photo: Adrian Regeci · Unsplash

Paul war nicht schwarz angezogen. Das war das erste, was Leonie zu ihm sagte.

„Du bist auf dem größten Gothic-Festival der Welt“, sagte sie, „und du trägst ein beiges Hemd. Das ist mutig. Oder dumm.“

Er war für ein Stadtmagazin in Leipzig, um Fotos vom Wave-Gotik-Treffen zu machen. Pfingsten, zwanzigtausend Menschen in Samt, Spitze und Leder, und mitten im viktorianischen Picknick im Clara-Zetkin-Park eine Frau in einem schwarzen Reifrock, mit Schleier und Spitzenschirm, die ihn ansah, als wäre er ein besonders seltsamer Käfer.

„Darf ich Sie fotografieren?“, fragte er.

„Nein“, sagte Leonie. „Aber du darfst mir den Tee halten.“

Der Tag

Er hielt den Tee. Dann hielt er ihren Schirm. Dann ging er einfach neben ihr her, über die Wiese, zwischen Grabeskerzen auf Picknickdecken und Männern in Gehrock, die sich höflich verbeugten.

Sie erklärte ihm alles. Den Unterschied zwischen Trad-Goth und Cybergoth. Warum man im Agra-Gelände tanzt und in der Moritzbastei redet. Dass sie seit zwölf Jahren jedes Jahr kam, und dass sie im Rest des Jahres Steuerberaterin in Dresden war.

„Niemand im Büro weiß davon“, sagte sie. „Das hier ist die Woche, in der ich ich bin.“

Er machte kein einziges Foto mehr.

Die Nacht

Um Mitternacht standen sie vor dem Völkerschlachtdenkmal, das sich riesig und dunkel gegen den Himmel stemmte. Leonie hatte den Schleier zurückgeschlagen. Ihr Lippenstift war schwarz, ihre Augen sehr hell.

„Ich mag dich“, sagte sie. „Das kommt selten vor. Ich mag niemanden in Beige.“

„Ich kann mich umziehen.“

„Später.“ Sie nahm seine Hand. „Ich sage dir jetzt, wie das läuft, weil ich keine Lust auf Spielchen habe. Mein Hotel ist zehn Minuten entfernt. Wenn du mitkommen willst, sag ja. Wenn nicht, sag nein, und wir hatten einen wunderschönen Tag.“

„Ja.“

„Dann gibt es Regeln. Langsam. Du fragst. Und das Kleid hat dreiunddreißig Haken, du wirst Geduld brauchen.“

Dreiunddreißig Haken

Er brauchte Geduld. Sie lachte bei jedem Haken, den er nicht fand, und zählte laut mit. Bei siebzehn küsste sie ihn. Bei dreiunddreißig hörte sie auf zu zählen.

Der Rest gehört den beiden und dem Kerzenlicht.

Pfingstmontag

Am Montag fuhr Paul mit einer einzigen Fotografie nach Hause. Sie zeigte nicht Leonie, sondern ihre Hand auf seiner, schwarze Spitze auf beigem Stoff. Sie hatte es erlaubt.

Darunter, in silberner Schrift auf der Rückseite: Nächstes Jahr. In Schwarz.

Er hat sich ein schwarzes Hemd gekauft. Es hängt im Schrank und wartet auf Pfingsten.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Alle Figuren sind erfundene Erwachsene (18+), Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.

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